Der geschichtliche Rückblick
Im ersten Jahrzehnt nach dem Kriege von 1870/71 fehlten in Leipzig wie in vielen deutschen Hochschulen alle Hilfsmittel für das Studium der englischen und französischen Sprache und Literatur. Daher schlossen sich am 28. Februar 1878 dreißig junge Studenten zusammen und gründeten einen wissenschaftlichen Verein für neuere Sprachen – nach kurzer Zeit geändert in den “Akademischen Verein für neuere Philologie” und 1894 zusammengefasst in den “Akademisch-Neuphilologischen Verein” (ANV). Dieser sollte seinen Mitgliedern durch Übungen, Vorträge und eine anzuschaffende wissenschaftliche Bücherei den Mangel eines Seminars ersetzen.
Wesentlich war dabei die Erklärung des Prof. Dr. Richard Wüllker, des ersten Vertreters der Anglistik in Leipzig, er werde dem Verein eine Anzahl wertvoller Bücher zur Verfügung stellen. Da dieser Mann auch anderweitig den Verein gut unterstützte, ernannte man ihn zum “Ehrenpräsident”. Dem wissenschaftlichen Betrieb dienten auch besonders die “Sektionen”; das waren kleine Kreise innerhalb des Vereins, in denen man die Einzelgebiete der Literatur und der Sprache Englands und Frankreichs durchforschte und erarbeitete.
1889 wurde der Duzkomment, 1891 ein Zirkel und der Bierkomment eingeführt. Der Verein nahm die Farben Blau-Weiß-Gold an (nach den Leipziger Stadtfarben Blau und Gelb). Es wurden Fuxenstunden und Burschenkonvente eingeführt. Damen, die man seit 1893 zu Festlichkeiten einlud, durften nur von der Empore aus zuschauen; erst seit 1899 veranstaltete man Gesellschaftsabende mit Damen. Im August 1914 brach der Krieg aus, und die meisten Aktiven und viele Alte Herren wurden zu den Fahnen gerufen. 60 Prozent aller Mitglieder haben unter den Waffen gestanden, und 35 von 124 Kriegsteilnehmern sind gefallen. 1920 mußte man aus der Neuphilologischen Verbindung eine allgemeinwissenschaftliche machen, da die Philologie nicht mehr den Anreiz hatte und es auch nicht mehr so viele Sprachstudenten gab. Man wählte deshalb einen anderen Namen für die Verbindung: “Plessavia”. Das Wort sollte in freier Weise an den Namen des Leipziger Pleißenflusses erinnern.
Im Herbst 1924 wurde die Plessavia als “renoncierende” Burschenschaft in den Allgemeinen Deutschen Burschenbund (ADB) aufgenommen. Nun wurden die Farben in Band und Mütze auch öffentlich getragen. Vom Sommer 1926 an stieg die Zahl der Mitglieder ständig. In der Zeit vom Sommersemester 1928 bis zum Wintersemester 1933 verlief das Leben in den bisherigen Bahnen. Besuche von Stiftungsfesten der befreundeten Burschenschaften, eigene Sommer- und Winterfeste, Antritts- und Schlußkneipen wechselten in alter Weise ab. Für das Fechten wurde ein Paukring abgeschlossen. Der Sommer 1933 brachte dann den großen Umbruch. Auf Wunsch der Regierung mußte “Führerprinzip” eingeführt werden. Es gab von nun an im AHB nur noch einen Führer und einen Bundesrat von drei Mitgliedern. Auf dem außerordentlichen Bundestag in Berlin war von oben die Forderung nach einer “Konzentration” vorgetragen worden. Diese erfolgte in Leipzig nach verschiedenen Unterhandlungen, so dass nur eine Suevia (und in ihr der Rote Löwe) und eine Ghibellinia (mit ihr verschmolz die Plessavia) weiter existierten.
Allein bleiben konnte die Plessavia nicht, besonders aus finanziellen Gründen: ein Kameradschaftshaus, wie es jetzt verlangt wurde, konnte sie allein nicht aufbringen. Am 10. November 1933 wurde auf einem gemeinsamen Konvent der beiden Burschenschaften eine neue “Ghibellinia” mit den Farben der alten Plessavia gegründet. Damit ging die Geschichte der Plessavia vorerst zu Ende.
Nach dem Mauerfall beginnt der neue Teil der Plessavia-Geschichte. Junge Studenten aus Leipzig konnten mit großer “Exil”-Unterstützung der Ghibellinia in Hannover wieder als Mitglieder der Leipziger Burschenschaft Plessavia gewonnen werden. Zunächst dienten Privatwohnungen in der Weißen Straße und Thonberger Straße als Versammlungsort. 1993 konnte eine 300 qm große Wohnung in der Riemannstraße für DM 3,22 pro Quadratmeter angemietet werden. 8 Studentenzimmer wurden eingerichtet; ein 35 qm großer Kneipsaal bot Platz für 30 Personen. Das alles nebst den Instandsetzungskosten von DM 100.000 wurde nur durch großzügige Spenden ermöglicht. Es war klar, dass es sich nur um eine vorübergehende Lösung handeln konnte und es wurde nach einer dauerhaften Bleibe gesucht. Ende 1997 war es dann soweit. Ein erst 1986 fertiggestelltes Haus wurde über die “Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben” angeboten - das neue Heim der Plessaven in Leipzig.
Aufgrund inhaltlicher Auseinandersetzungen kam es seit dem Jahre 2002 zum Austritt einiger Aktiver aus der Burschenschaft Plessavia. Es war somit ein aktives Bundesleben nur noch unter grossen Anstrengungen aufrecht zu erhalten. Allerdings war die weitere Bewirtschaftung des Plessavenhauses für die Bundesbrüder nicht mehr möglich. Also suchten wir uns eine neue Konstante. Im Sommer 2003 erfolgte der Umzug in eine 150 qm Wohnung direkt im Herzen von Leipzig. Das Plessavenhaus in der Silbermannstraße wurde verkauft.


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